Ich zähle Erbsen zu kleinen Häufchen

Heute früh im Wagen auf dem Weg zur verdammten Arbeit. Eine Reportage über einen Künstler, der vor 200 Jahren starb. Er hatte alles, junges Genie, früher Triumph, eine lebenserfüllende Romanze, Reisen, Erfolge, Anerkennung, Niederlagen und späte Genugtuung. WAS FÜR EIN LEBEN!

Und ich? Ich mache einen Job, den ich so sehr hasse, dass mir die Worte fehlen. Stellt euch einen Job vor, in dem ihr jeden Tag tausend Erbsen zu kleinen Häufchen zählen müsst. Und in dem ihr einen Chef habt, der bei 999 Erbsen gleich den Untergang des Abendlandes sieht. Das ist mein Job. Ich erspare euch die erbärmlichen Details. Ein Kellner bringt essen, ein Arzt rettet leben, ein Straßenfeger hält die Straße sauber. Ich zähle Erbsen zu kleinen Häufchen.

Ich bin bin ein Gefangener. Ich kann den Job nicht wechseln, weil es die Wirtschaftslage nicht erlaubt. Ich kann nicht einfach kündigen, weil mir das Arbeitsamt eine Sperrfrist reindrücken würde. Und während alle meine häuschenabzahlenden Kollegen Hosenflattern haben vor der nächsten Entlassungswelle, würde ich mir nichts sehnlicheres wünschen, als den Goldenen Handschlag zu erhalten.

Ich habe süßes Gift in meinen Adern. Es lähmt mich, es hält mich unten. Es lässt mich verbittert sein und mit den wankelmütigen Entscheidungen meiner vorgesetzten schwanken. Ich bin das Kaninchen vor der Schlange. Ich bin der Sklave im goldenen Käfig.

Wann wird dieser Alptraum nur endlich vorbei sein?

Ich zähle Erbsen zu kleinen Häufchen

Wenn Du dich freust, im Stau zu stehen

Ach, wie war das schön heute morgen. Die Sonne schien, klirrende Kälte,  Sonnenbrille auf,  Bowie im Player. Und dann auf den Weg zum verhassten Job.

Dankbar für jeden Stopp, für jede rote Ampel, für jeden Stau. Dankbar für alles, was ich von der Schinderei abhält. Und fast hoffst Du, die Straßenbahn möge in deinen Wagen rauschen.

Das sind die Jobs, bei denen Du dich freust, während der Arbeitszeit zum Zahnarzt gehen zu dürfen.

Wenn Du dich freust, im Stau zu stehen