Ich zähle Erbsen zu kleinen Häufchen

Heute früh im Wagen auf dem Weg zur verdammten Arbeit. Eine Reportage über einen Künstler, der vor 200 Jahren starb. Er hatte alles, junges Genie, früher Triumph, eine lebenserfüllende Romanze, Reisen, Erfolge, Anerkennung, Niederlagen und späte Genugtuung. WAS FÜR EIN LEBEN!

Und ich? Ich mache einen Job, den ich so sehr hasse, dass mir die Worte fehlen. Stellt euch einen Job vor, in dem ihr jeden Tag tausend Erbsen zu kleinen Häufchen zählen müsst. Und in dem ihr einen Chef habt, der bei 999 Erbsen gleich den Untergang des Abendlandes sieht. Das ist mein Job. Ich erspare euch die erbärmlichen Details. Ein Kellner bringt essen, ein Arzt rettet leben, ein Straßenfeger hält die Straße sauber. Ich zähle Erbsen zu kleinen Häufchen.

Ich bin bin ein Gefangener. Ich kann den Job nicht wechseln, weil es die Wirtschaftslage nicht erlaubt. Ich kann nicht einfach kündigen, weil mir das Arbeitsamt eine Sperrfrist reindrücken würde. Und während alle meine häuschenabzahlenden Kollegen Hosenflattern haben vor der nächsten Entlassungswelle, würde ich mir nichts sehnlicheres wünschen, als den Goldenen Handschlag zu erhalten.

Ich habe süßes Gift in meinen Adern. Es lähmt mich, es hält mich unten. Es lässt mich verbittert sein und mit den wankelmütigen Entscheidungen meiner vorgesetzten schwanken. Ich bin das Kaninchen vor der Schlange. Ich bin der Sklave im goldenen Käfig.

Wann wird dieser Alptraum nur endlich vorbei sein?

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Ich zähle Erbsen zu kleinen Häufchen

16 Gedanken zu “Ich zähle Erbsen zu kleinen Häufchen

  1. onAir schreibt:

    Es scheint wie eine ansteckende Krankheit, welche sich seit längerem durch die oberen Etagen schleicht, hirnkrebsartig die Gedankenwelt vernebelt und „Entscheidungsträger“ wankelmütig, erinnerungsschwer und entscheidungsfaul werden lässt. Meetings verkommen zu brainstorming Aktivitäten in der nur mehr die aktuelle Gefühlswelt eine Rolle spielt. Historische Basisdaten werden bereitwillig der speziellen „Das-glaube-ich-nicht“ Mentalität geopfert. Leitsätze lassen sich auf banales „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“ reduzieren. Aufstiegsmöglichkeiten beschränken sich auf gebildete Bergsteiger mit einem Netzwerk aus Seilschaften. Der Tenor von „Human Ressources“ gleicht einem desaströsen Gedankengut á la „Bevor Wir zum äußersten gehen und wirklich jemand auf diesen Posten setzen, der sich tatsächlich auskennt, nehmen wir einen ungefährlichen Quereinsteiger“. Doch bevor wir alle „auf Schiene gebracht“, „gut aufgestellt“ und „mit ins Boot geholt“ werden, sollten wir doch eher das Boot mit samt seiner Seile buchstäblich versenken und die springenden Ratten ersäufen. Doch was haben wir? Riesige industrielle Tempel der Menschenopferung. Scheintote Leiber wandern mit „burn-out“ vernichteten Seelen durch unsere Unternehmen. Totengräber gleich steht unsere politische Elite im schwarzen Traueranzug fürs TV bereit um abgedroschene Parolen inflationär im Land zu verhallen. Unsere gedankenvergiftenden Medien stehen bereit um auch noch den letzten Funken Eigeninitiative auszulöschen und unser Hirn im Gleichtakt mit stumpfsinniger Leere auszufüllen. Es wirkt als ob nur mehr Zombies wunschfrei umherwandern, getan wird was befohlen wurde. Die Werbung befiehlt „KAUFT“! Wie in einer alptraumhaften Manifestation des Spiels „Simon say’s“ kaufen sie um des Kaufens Willen. Nicht um Gegenstände zu benutzen, Nein! Nur um zu „können“ Nur ein Gedanke blitzt tollwütig im verbleibenden Geiste „Ich muss ein „i“ kaufen, ein „iToy“ den damit kann ich alles tun. Ich will nichts tun aber ich kann, ich kann, ich kann… Dafür schafft sich jeder voller Genugtuung seine eigene Hölle und brät seine Seele genüsslich bis zum „burn-out“. Die Errungenschaft des 21. Jahrhunderts sind Menschen die freiwillig ihren Geist ins Feuer legen, der Hitze jammernd elendlich zugrunde gehen „Warum befiehlt uns keiner aus dem Feuer zu gehen?“ Grotesk!

  2. Rosenkranz007 schreibt:

    Zumindest sind Sie ein brillanter Schreiber, nicht ohne biblische Sprachgewalt. Wut macht kreativ. Schreiben Sie ein Büchlein. Meinetwegen ein „Arbeitgeberhasser“-Buch. Vermeiden Sie darin jegliche Larmoyanz, setzen sie auf detaillierte Gewaltphantasien. So eine Art „Falling down“ – Michael Douglas („I want breakfast!“), Sie wissen schon. Das hätte kathartische Wirkung und könnte sich (notfalls im Selbstverlag) durchaus verkaufen lassen. Millionen Leser würden sich in Ihnen wiedererkennen.

  3. StamPete schreibt:

    Hi,
    ich kann Deine Situation, denke ich mal, einigermaßen verstehen. Es wäre eigentlich in der heutigen Gesellschaft, mit ihren vermeintlichen sozialen Errungenschaften nicht zu viel verlangt einen angemessen herausfordernden und bezahlten Job zu haben. Es ist meiner Meinung nach auck kein „Lamentieren auf hohem Niveau“, nein, es ist im modernen Europa der faire Anspruch einer leistungswilligen Person geworden. Die Friss oder Stirb-Mentalität seitens der „Eliten“ ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Du hast ein Recht dazu in Deinem Job zufrieden zu sein!
    Ich selber kämpfe in einem 8-Personen Team, wo die beiden „Chefs“ alle duzen bis auf ihre eigenen Leute. Das muss man sich mal vorstellen.. Fast das gesamte Stockwerk duzt sich, über alle Hierarchien, nur wir 6 Männer, 2 Frauen werden mit der „gebotenen“ Distanz betrachtet. Mir geht es nicht darum, dass ich mit meinem Chef nicht perdu bin, mir geht es, dass da gesamte Stockwerk diese bizarre Sitaution kennt und ich mich einfach schäme anwesend zu sein…
    Tja, ich sag nur IT..
    ..hätte ich diesen Scheiß niemals angefangen, man ist halt nur ein Depp, ständig beschäftigt die eigene Daseinsberechtigung nach außen zu argumentieren. Ich kann über den vermeintlichen Nachwuchsmangel echt nur lachen, so wie die Leute ausgepresst werden, braucht man sich nicht über so viele unzufriedene Arbeitnehmer wundern.

    So jetzt bin ich wieder abgeschweift..
    Ich wollte Dir lediglich die Daumen drücken, dass Du unbeschadet beruflich weiterkommst, auch wenn es schwer ist und Dein Zorn Dich fast zum Hirninfarkt führt (ich kenne das Gefühl), halte durch, es wird sich bestimmt eine Chance für Dich ergeben!

    Gruß aus dem Süden

    1. XY schreibt:

      Hallo,
      danke für deine unterstützenden Worte. Wirklich. Es ist immer schön, wenn man verstanden wird. Denn außenstehende können das nicht nachempfinden. Zum Glück gibt es Homeoffice. So kann ich mich – wie eben jetzt – um meinen eigenen Kram kümmern. Ich lasse es jetzt auch bewusst noch langsamer angehen. Merkt sowieso keine. Alle in der IT haben im Grunde nichts zu tun. Klar, es soll ja auch alles automatisch laufen.
      Aber (zum Glück) haben wir „Zeiten ohne Wahrheit“. Tricksen, Täuschen, Tarnen ist angesagt. Jeder tut auf superwichtig, was überhaupt der einzige Grund für Telefonkonferenzen ist. Es darf nur keiner versuchen, den Schleier zu lüften. Sonst wirst Du als Nestbeschmutzer aus der Bruderschaft der unzufriedenen Beschäftigten ausgestoßen und bekommst noch Ärger mit dem Arbeitsamt, Pardon, Arbeitsagentur (noch so ein Witz!)
      Wenn mein Arbeitgeber wüsste, dass ich für privaten Kram fast 90% der Zeit in Anspruch nehme. 🙂
      Kennst Du schon meinen Lieblings-Dilbert-Comic? http://faustjucken.a60.us/mein-lieblings-dilbert-comic/

  4. SubEQ schreibt:

    Hallo XY.

    Ich nehme, wenn ich ehrlich bin kein Anrecht darauf, deine Lage nachvollziehen zu können. Meine Situation ist eine ganz andere. Aber dein Verhalten kommt mir vertaut vor. Ich bin noch am Anfang, was sage ich, vor meiner „beruflichen Laufbahn“ und plage mich seit Jahren während meiner (bore-out) Ausbildung damit rum, meine Zukunft zu planen, ein Studium (welches?!) anzugehen und meine Zeit mit Zweifeln zu verbraten. Ich bin gerade im Urlaub und habe es jetzt nach zwei von drei Wochen Abseits endlich geschafft, mich minimalzu entspannen. Deine Einleitung fand ich sehr treffend. Der Vergleich, dem in man sich so oft selbst wieder findet mit „erfolgreichen Persönlichkeiten“ und die daraus enstehende panische Unzufriedenheit.
    Das ist kein persönliches Problem, das teilen sich viele.

    Alles was ich heute abend sagen kann zu:
    „Er hatte alles, junges Genie, früher Triumph, eine lebenserfüllende Romanze, Reisen, Erfolge, Anerkennung, Niederlagen und späte Genugtuung. WAS FÜR EIN LEBEN!“

    ist >> Zeit für deine erste große Niederlage. Das heißt, für deine zweite, in deiner ersten steckst du schon längst. Es gibt so viele verschiedene Welten auf diesem Planeten… Die Bilder in unserem Kopf paralysieren uns oft.

    Ich glaube nicht, dir geholfen zu haben.
    Aber ich habe es gern getan.

    ——————————————————-
    …sich hohe Ziele setzen und daran zu Grunde zu gehen…

    1. XY schreibt:

      Ach, … sich hohe Ziele setzen und daran zu Grunde gehen…
      Das muss gar nicht sein. Mit würde schon ein kleines Ziel reichen, irgendein Ziel, das sich im wahrsten Sinne des Wortes lohnt. Etwas, das das Leben interessanter macht. So dass ich nicht als langweiliger, alter Mann sterbe. Momentan bin ich halt nur ein „Lebewesen“, ich wäre aber lieber auch ein … ja, was denn eigentlich? Gibt es das richtige Wort dafür?

  5. Cyrus McDugan schreibt:

    Taugst du nichts, oder taugt dein Arbeitgeber nichts? Taugtest du nichts, wärst du jetzt arbeitslos. Wenn die Wirtschaft die Globalisierung vorantreibt, dann sollten wir uns daran irgendwie beteiligen.

    Ich stamme nicht aus Hamburg. Bis ich hier letztendlich landete, hatte ich eine größere Tour durch Deutschland hinter mir. Das reichte auch bis nach Süddeutschland (auch wenn ich mich dort nicht wohlgefühlt hatte). Ich gehe dorthin, wo die Arbeit ist. Und wenn die (gute) Arbeit im Ausland ist… Nun, dann gehe ich halt dorthin.

  6. Also irgendwie … kann es sein, dass wir uns kennen? Oder dass du in der selben Firma arbeitest wie ich?!
    Willkommen im Club der „Ich hasse meinen Job und den ganzen Rest“!
    Auswandern ist so ne Sache. Dazu brauchst du auch den „richtigen“ Job. Ich selber bin Buchhalterin und das ist so gesehen ein recht „bequemer“ Job ohne viele körperliche Arbeit. In den meisten Ländern braucht man sowas nicht, weil die eigenen Leute das schon machen wollen. Und dann hat man vielleicht noch Familie hier. Dann überlegt man sich das auch gut, oder besser. Denn einfach nur so ins Blaue rein, selbst wenn ich die Sprache des Landes spreche … die Kandidaten für „die Rückwanderer“ werden niemals ausgehen 😉
    In diesem Sinne – Kopf hoch!

    1. X Y schreibt:

      Hallo, Du,
      danke für dein Verständnis. Nur wenn man selbst in so einer Situation steckt, kann man es nachempfinden. Weil viele es als Luxusproblem ansehen. Mich beschäftigt es halt trotzdem.
      Klar hätte ich von meiner Ausbildung her die Möglichkeit, auszuwandern. Nur habe ich keine Lust dazu, dort zu arbeiten, wo andere Urlaub machen. Viele dieser Auswanderer sehen doch von ihrem „Gastland“ weniger als der durchschnittliche Tourist, da sie für ein Leben, das dem deutschen Standard gleicht, viel mehr arbeiten müssen. Oh, Schreck, ist das Leben in USA/Spanien/Australien wohl doch nicht so locker, was? Ich verstehe auch nicht, warum es Leute gibt, die in die Dritte Welt (Süd-Amerika, Afrika) auswandern. Da kann ich mir nur an den Kopf fassen. Die kommen alle wieder, spätestens, wenn sie merken, dass sie keine Altersrücklagen bilden können.

  7. Cyrus McDugan schreibt:

    Das ließe ich eher sein. Wenn man sich anschaut, wie es hier zugeht, wird man feststellen, dass man verdammt schnell in Hartz-IV abrutscht, und da kommt man nicht so schnell wieder heraus (wenn überhaupt).
    Ich weiß, wie es ist, wenn man arbeitslos ist (auch wenn es bei mir nur eine recht kurze Episode war). Mir fiel schon nach zwei Wochen die Decke auf den Kopf. Wenn du ein Gehirn hast, das geistige Herausforderungen braucht, dann ist Arbeitslosigkeit genau das falsche. Vielleicht solltest du auch mal darüber nachdenken, ob Auswanderung nicht vielleicht eine lohnende Alternative ist. Hier in D gibt es fast nur noch zwei Schichten: „die da oben“ und „die da unten“. Für „die da oben“ bist du in jeder Hinsicht ein Kostenfaktor (darum auch „Humankapital“). Dass Mitarbeiter auch wertvoll sind, wirst du mittlerweile nur noch im Ausland finden. Das wäre z.B. in der Schweiz, den Niederlanden, Skandinavien, Großbritannien (momentan noch) und Spanien. Das Leben ist in den Ländern auch wesentlich unkomplizierter. Ein Bekannter zog vor ein paar Jahren nach Spanien. Er meinte, dass er noch nie so eine einfache Steuererklärung gemacht hätte. Auch die An- und Ummeldung wäre kein großer Akt. Allerdings sollte man die Landessprache vorher lernen, sonst landet man bei „Die Rückwanderer“.

    1. X Y schreibt:

      Hallo,
      ich gebe dir ja in allem Recht. Aber leider bin ich deine Gedankenkette auch schon mehrere Male durchgegangen. Inklusive der Möglichkeit, auszuwandern. Aber jemand, der mir mal sehr nahe stand, hat einmal gesagt: „Wenn Du in deinem eigenen Land nichts taugst, taugst Du auch in keinem anderem Land.“ Ich möchte halt in Deutschland zufrieden sein. Was soll ich in XXX? Meine Probleme und Ansichten würde ich ja immer mitnehmen.
      Ich möchte halt in Deutschland einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen, ob solo oder mit guten Kollegen und Vorgesetzten.

  8. Cyrus McDugan schreibt:

    Sicher, du wirst nicht kündigen können, um der Tretmühle zu entkommen. Aber wer hindert dich daran, den Stellenmarkt zu beobachten und Bewerbungen zu schreiben? So eine Bewerbung hätte den unvergleichlichen Vorteil, dass du dich aus einem ungekündigten Verhältnis heraus nach einer neuen Beschäftigung umschaust. Also stehst du nicht so unter einem Erfolgszwang, und das macht die Sache entspannter. Bei all den Bewerbungen, die ich in meinem Leben geschrieben hatte, hatte ich immer den Eindruck, dass so eine Position von potentiellen Arbeitgebern bevorzugt würde.
    Es gibt mehrere Jobportale, bei denen man sich kostenlos anmelden kann. Du weißt doch: Andere Mütter haben auch schöne Töchter. Viel Erfolg.

    1. X Y schreibt:

      Das Problem ist, dass ich zur Zeit fürchte immer wieder in einen Job zu rutschen, der von unfähigen Managern Typ „USA“ beeinflusst wird. Also Leuten, die von ihren Entscheidungen nicht betroffen sind, weil der „Impact“ zu weit weg ist. Unsere Gesellschaft (Politik sowieso, Wirtschaft, aber auch Privatleben) hat sich in den letzten Jahren immer mehr in Richtung Unverbindlichkeit entwickelt: Qualität wird nur noch als Kostenfaktor gesehen, Absprachen gelten nichts mehr, Jobs werden schnell gekündigt oder ausgegliedert – dass die neu Einzustellenden dann natürlich angelernt werden müssen, ist ein anderes Lied. Kurz, ich würde aller Wahrscheinlichkeit nach vom Regen in die Traufe geraten. Momentan würde ich Arbeitslosigkeit vorziehen, bis ich wirklich etwas sinnvolles und interessantes finde.

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